Kapitel 2
An diesem wolkenverhangenen Samstag im September fühlte es sich an, als würde die Sonne nie wieder durch die Wolken brechen und die Welt in einem ewigen Wechsel zwischen Regen und Windböen verharren. Es war ein Wetter, das den nahenden Herbst ankündigt und einen sehnsüchtig an wärmere Sommertage denken lässt. Selbst die stets präsenten Krähen saßen vereinzelt auf den Ästen der Apfelbäume und schienen ebenfalls auf besseres Wetter zu warten.
Auf dem Fensterbrett vor dem alten Sprossenfenster im Esszimmer stand eine dampfende Tasse heißen Tees aus der es verführerisch nach weihnachtlichen Gewürzen roch. Sie war schon immer eher eine Freundin der kalten Jahreszeit. Während ihre Geschwister sich jedes Jahr erneut auf den Urlaub in Italien oder Spanien freuten, konnte sie es kaum erwarten ihre Füße endlich wieder in dicke Wollsocken zu stecken und mit Gummistiefeln und einer Regenjacke bewaffnet durch das fallende feuchte Laub zu spazieren. Für sie war der Herbst kein Abschiednehmen vom Sommer, sondern eine Begrüßung der dunklen Jahreszeit.
Sie hatte gerade ihr Buch aufgeschlagen, die Füße vom weichen Ohrensessel aus gegen die warme Heizung gedrückt und gedankenverloren aus dem Fenster gesehen, als ihr Handy klingelte. Sie hatte sich nie die Mühe gemacht, den Standardklingelton zu ändern. Es störte sie auch nicht, dass deshalb ihr Handyklingeln meist mindestens drei andere Personen in ihrer Nähe aufblickten ließ. Für sie war ihr Handy ein Arbeitswerkzeug wie für den Maurer die Kelle oder den Fernfahrer der LKW. Am anderen Ende melde sich eine raue Männerstimme, deren Tonfall keinen Zweifel an der Dringlichkeit des Anrufes ließ:
"Wir haben schon wieder einen. Vermutlich der gleiche Täter."
"Shit. Ist es so übel wie beim letzten Mal?"
"Keine Ahnung" hörte sie ihren Gegenüber nach einer kurzen Pause sagen "ich war noch nicht vor Ort, aber die Kollegen wirkten alle ziemlich mitgenommen."
Das war nicht gut, dachte sie sich, sprach es aber nicht laut aus. Die Kollegen, von denen der andere sprach, waren allesamt gestandene Kriminalbeamte und hatten durchaus schon einiges in ihrer Karriere gesehen.
"Alles klar, ich mache mich auf den Weg" seufzte sie und verabschiedete sich.
Ein wenig zerknirscht klappte sie das Buch zu. Ihre Arbeitswoche war ohnehin schon anstrengend gewesen und sie hatte sich eigentlich auf ein paar ruhige Tage gefreut. Dass sie jetzt auch noch an ihrem Wochenende die Behaglichkeit ihres Hauses verlassen musste, passte ihr überhaupt nicht. Andererseits war es nicht das erste Mal, dass sie ihre Freizeit hinter den Beruf stellte. Sie kannte die mitunter harten Arbeitsbedingungen in diesem Job schon von ihrem Vater und hatte die Nachteile damals sehr bewusst in Kauf genommen.
Sie blickte kurz zu dem Hundebett in der Ecke des Zimmers. Dort lag zusammengerollt ihr junger Straßenkötermix den sie Chippy getauft hatte und träumte von grünen Wiesen und spannenden Abenteuern. Wie sorgenfrei muss so ein Hundeleben wohl sein, dachte sie bei sich. Den ganzen Tag auf der faulen Haut liegen, ab und zu ein paar Hundekekse abstauben und sich ansonsten auf das nächste Gassi-Abenteuer mit Frauchen freuen. Sie wischte die Gedanken beiseite und versuchte sich wieder auf das hier und jetzt zu konzentrieren. Chippy musste noch ein wenig auf seinen täglichen Ausflug warten, sie musste erst ihren nächsten Kunden versorgen.
Sie nahm ihre blau-weiß gepunktete Jacke vom Haken im Flur, zog sich ihre schweren Lederschuhe an und schloss die Haustür hinter sich ab. Es würde nur eine kurze Fahrt werden, der Kollege von der Kriminalpolizei hatte ihr die Adresse per SMS geschickt. Sie steuerte ihren alten Volvo-Kombi vom Hof und dreht die Musik ein wenig lauter. Wenn sie schon an ihrem Wochenende arbeiten musste, dann wollte sie das wenigstens mit guter Musik tun.
Die Adresse stellte sich als Sammelpunkt für alle Einsatzkräfte heraus. Der tatsächliche Tatort befand sich mitten im Stadtwald von Itzehoe und war mit Fahrzeugen nur schwer zu erreichen. Wie sie unter diesen Umständen ihre Arbeit durchführen sollte, war ihr noch völlig schleierhaft. Sie parkte ihren Wagen neben einen Rettungswagen an dem ein gelangweilt dreinblickender Rettungssanitäter lehnte und stieg aus. Rund um den Wagen der Einsatzleitung sammelten sich Polizisten, Sanitäter, Forensiker und noch ein paar andere Personen die sie auf den ersten Blick nicht einordnen konnte. Scheinbar hatten die Ereignisse an diesem sonst so trüben Tag eine Großzahl an Einsatzkräften beschäftigt.
Noch auf ihrem Weg zu dieser Menschenmenge wurde sie abgefangen.
"Gut, dass du da bist. Ich kann dringend jemanden mit einem kühlen Kopf gebrauchen."
Der Mann, der sie ansprach, war lang und dürr. Seine rauchige Stimme hatte er sich mit jahrelangem Zigaretten- und Alkoholkonsum sorgsam antrainiert. Dass er, wie er selbst stets zu betonen pflegte, nur noch wenige Jahre bis zum Ruhestand hatte, zeigte sich in seinen stark ergrauenden Haaren, die er aus Gewohnheit raspelkurz trug.
Friedrich Müller war das wandelnde Klischee eines Polizisten, der für seinen Beruf lebte. Er war oft genug mit seinen Vorgesetzten aneinander geraten, weil er Recht und Gesetz zu seinen Gunsten ausgelegt und ausgiebig gedehnt hatte. Damit hatte er zwar für einige sehr spektakulär gelöste Fälle gesorgt, ein Großteil der Führungsbeamten würde dennoch froh sein, wenn er eines Tages tatsächlich seinen Ruhestand anträte. In der Polizeihierarchie liebte man es, wenn niemand aus der Reihe tanzte und sich jeder ausschließlich im Rahmen seiner eigenen Kompetenzen bewegte.
Claudia hingegen hielt es für unwahrscheinlich, dass Friedrich je in den Ruhestand gehen würde. Die Arbeit war das Einzige, was diesen Mann noch am Leben hielt. Seine Frau hatte ihn vor einem Jahr verlassen, seine beiden Kinder waren an das andere Ende von Deutschland gezogen und seine Spielsucht sorgte dafür, dass es auch finanziell nicht gerade rosig für ihn aussah.
All dieser Schwierigkeiten ungeachtet war Friedrich ein brillanter Ermittler und messerscharfer Beobachter. Manchmal war es geradezu unheimlich, wie gut er sich in die Gedankenwelt der Verbrecher hineinversetzen konnte.
"Hier ist ja ganz Itzehoe auf den Beinen", analysierte Claudia das Offensichtliche, "Ich wäre froh, wenn ich daheim meine Ruhe haben könnte und kein Blut vom Waldboden kratzen müsste."
"Naja ist doch kein Wunder. Wann hatten wir hier schon mal einen Serienmörder?", grinste Friedrich ihr entgegen, bevor er von einem Hustenanfall geschüttelt wurde.
"Klingt ganz so, als könntest du eine Zigarette vertragen", erwiderte Claudia.
"Möchtest du jetzt auch unsere neueste Attraktion bewundern oder mir weiterhin hilfreiche Gesundheitstipps geben?", ätzte er zurück.
"Na, dann lass uns mal", antwortete sie und die beiden machten sich auf den Weg.
Claudia im Schlepptau folgte Friedrich der Ameisenspur aus Menschen, die in den Wald hinein und ebenso aus ihm heraus strömten. Der Boden war durch den Regen der letzten Tage stark aufgeweicht und die vielen Menschen machten die Waldwege nicht gerade besser. Die umgebenden Büsche verloren bereits langsam ihre Blätter und auch die Bäume ließen jeden Tag ein wenig mehr des grauen Himmels durchblicken.
Am Ende eines überwucherten Seitenweges kamen sie zum Stehen. Die sich öffnende Lichtung war umfangreich abgesperrt, obwohl zu diesem Zeitpunkt ohnehin keine Zivilperson an den Mengen von Polizeibeamten hätte vorbeischleichen können. Innerhalb dieses Bannkreises bewegten sich nur wenige Auserwählte, die allesamt mit Schutzbekleidung ausgestattet waren, um den Tatort nicht zu verunreinigen.
"Na dann wünsche ich dir viel Spaß. Ich werde mir erstmal was zu Futtern besorgen", verabschiedete sich Friedrich und ließ Claudia am Rande der Lichtung vor der Absperrung stehen.
Sie fühlte sich tatsächlich stark an den Mordfall von vor zwei Wochen erinnert. Sehr vieles an diesem Ort deutete darauf hin, dass es sich zumindest um das gleiche Vorgehen und somit wahrscheinlich auch um den gleichen Täter handelte.
Die Leiche lag nicht einfach auf dem Waldboden, wie man es bei einem Gelegenheitsmord vielleicht erwarten würde. Auch war sie nicht vergraben oder anderweitig versteckt worden. Alles konzentrierte sich um den Stumpf eines gefällten Baumes direkt in der Mitte der Lichtung. Dort hatte der Täter die weibliche Leiche geradezu präsentiert, als wollte er seine Taten der Welt zeigen. Der Kopf war abgetrennt worden und lag auf einem Kissen aus ausgerupftem Moos oben auf dem Baumstumpf, während Arme und Beine kreisförmig auf dem Boden um diesen improvisierten Altar herum angeordnet waren. Der Rumpf des Opfers war jedoch nicht zu sehen.
Neben dem Kopf lagen auf dem Moosbett Messer und Gabel, als hätte sich jemand eine perverse Mahlzeit zubereitet. Zu ihrer Erleichterung stellte sie jedoch fest, dass das Besteck zumindest unbenutzt schien und scheinbar lediglich symbolischen Zwecken diente. Der Kopf selbst war mit einem fein säuberlich aus Wildpflanzen geflochtenen Kranz verziert. Claudia war versucht, an eine christliche Symbolik zu denken, konnte jedoch zumindest aus der Entfernung keine Dornen ausmachen.
Außerdem stach ihr direkt ins Auge, dass so gut wie kein Blut auf dem Waldboden oder am Stumpf zu sehen war. Der Täter hatte die Leiche also sehr sorgsam vorbereiten müssen, bevor er sie an diesem Ort ausstellte. Dies war nicht der Tatort eines vertuschten Unfalls oder eines Mordes im Affekt. Dies war ganz offensichtlich die Tat eines skrupellosen Killers, der ein Signal senden wollte.
Die Beamten der Spurensicherung kreisten derweil mit ihren Fotoapparaten und Plastikbeuteln um den Baumstumpf und dokumentierten minutiös jede Einzelheit, die dazu beitragen könnte, mehr über diese Tat in Erfahrung zu bringen. In ihrer Routine wirkte es fast, als würden sie einen solchen Tatort an jedem zweiten Arbeitstag bearbeiten. Doch Claudia wusste, dass diese Art von Tatort weit über die Grenzen von Itzehoe hinaus und auch innerhalb des ganzen Bundeslandes außerordentlich ungewöhnlich war. Niemand hier hatte sowas schon einmal gesehen.
Außerhalb der Absperrung standen noch ein paar weitere schweigende Kriminalbeamte. In jedem der Gesichter fand Claudia den gleichen Ausdruck völliger Ratlosigkeit. Ein solches Verbrechen hatte es in dieser Stadt noch nie gegeben und man würde vermutlich noch in vielen Monaten und Jahren darüber in der lokalen Presse lesen können.
Die örtliche Polizei stand damit natürlich unter gewaltigem Druck, den Fall zu lösen. Dieser Mörder durfte auf keinen Fall weiter frei herumlaufen. Und obwohl Unterstützung aus dem gesamten Bundesgebiet zugesagt worden war, gab es bisher noch keinen einzigen Ermittlungsansatz.
Claudia blickte durch die lichten Äste in den grauen Himmel. Es sah nach Regen aus und sie wünschte sich im Stillen zurück in ihren gemütlichen Ohrensessel.